Ottoman Houses / Osmanische Wohnhäuser

  • Das städtische Hofhaus in Syrien. Regionale Ausprägungen und Überlegungen zur Erhaltung
  • Städtische Mittelhallenhäuser in Bilād ash-Shām

 

Das städtische Hofhaus in Syrien. Regionale Ausprägungen und Überlegungen zur Erhaltung

Das Hofhaus ist im Vorderen Orient ein seit Jahrtausenden bekannter Bautypus, der sich Im Laufe der Zelt jeweils an die Bedürfnisse und die Lebensweise seiner Bewohner sowie an deren Umfeld anpasste. Diesen traditionellen Wohnbauten, die noch heute den wichtigsten Bestandteil der Altstädte bilden, liegt immer das gleiche Prinzip der Anordnung von einer nach außen geschlossenen und nach Innen offenen Raumgruppe um einen oder mehrere Innenhöfe zugrunde. Die Arbeit befasst sich mit den In den syrischen Städten erhaltenen traditionellen Wohnhäusern, die überwiegend aus der osmanischen Zelt (1516-1918) stammen.

Ziel war es, charakteristische Merkmale der Hofhäuser in ihrer unterschiedlichen regionalen Ausprägung zu erfassen. Wichtig war die Frage der gegenseitigen Beeinflussung der Städte untereinander sowie die Beobachtung bestimmter Formenentwicklungen, die für die Datierung von großer Bedeutung sind. Gleichzeitig wurde der Zustand und die gegenwärtige Nutzung der Häuser untersucht, um Lösungsansätze für ihren Erhalt unter heutigen Rahmenbedingungen zu erarbeiten. Die Untersuchung des räumlichen und konstruktiven Aufbaus der Hofhäuser erfolgte vor Ort über die Begehung einer großen Anzahl von Häusern unterschiedlicher Größe und Bedeutung. Die dabei entstandenen Skizzen und Fotos dienten neben den Katasterplänen als Grundlage für die Erstellung maßstäblicher Grundriss-Skizzen. Zusätzlich wurden in jeder Stadt ausgewählte Beispiele durch ein Bauaufmaß detaillierter bearbeitet. Der wiederholte Aufenthalt in den Häusern erlaubte einen Einblick in die soziale Struktur und heutige Nutzungsart, die oft noch Rückschlüsse auf frühere Wohnverhältnisse zulassen.

Geprägt werden die Häuser vor allem durch die regional verfügbaren Baumaterialien. Bei den syrischen Stadthäusern handelt es sich fast durchgehend um eine Steinarchitektur. Die verschiedenen Steinarten wurden nicht nur konstruktiv, sondern auch als Gestaltungselement eingesetzt. Die steinsichtigen Hof- und Außenfassaden bestimmen das Erscheinungsbild der Häuser und Städte. In Aleppo und in den anderen nordsyrischen Städten wurde Kalkstein eingesetzt. An der Küste wurden die städtischen Wohnhäuser aus Sandstein errichtet. In Horns und Im vulkanischen Südsyrien bestehen sie aus Basaltstein.

Holz stand nur in geringen Mengen zur Verfügung, es wurde nur als ergänzendes Material für die Deckenkonstruktion verwendet. In manchen Regionen herrschte totaler Holzmangel, wie im Süden wo Steinbalken das fehlende Holz ersetzten oder in Ma’arrat an-Nu’man wo auch die einfachsten Häuser mit Gewölben versehen wurden. In Damaskus hingegen versorgte die umgebende Gartenlandschaft die Stadt reichlich mit Pappelholz. Die meist zweistöckige Bebauung besteht aus einem massiven Erdgeschoss aus Bruchstein und Lehmziegeln, das die leichte mit Lehmziegeln gefüllte Holzkonstruktion des Obergeschosses trägt. Wesentliche Unterschiede entstehen durch die Lage der Städte, die trotz geringer Entfernungen  verschiedenen klimatischen Bedingungen ausgesetzt sind. Dies beeinflusste die Auswahl der Raumelemente sowie Ihre Disposition und Nutzung. Beispielhaft sind dafür die Häuser der Küstenstädte: Hier fallen die zum Hof geöffneten Arkaden auf, die in dieser niederschlagsreichen Region ein geschütztes Erschließungselement für die dahinter liegenden Wohnräume bilden.

In den Binnenstädten dient der Iwan, eine an drei Selten geschlossene, nach Norden zum Hof hin geöffnete Halle im Sommer als schattiger, kühler Aufenthaltsraum. In den nordsyrischen Städten boten spezielle Kellerräume Schutz vor der größten Nachmittagshitze. Dachterrassen wurden Nachts als Schlafplatz genutzt.

Im Laufe des 20. Jahrhunderts haben die traditionellen Altstadt-Wohnquartiere der syrischen Städte tiefgreifende Wandlungen erfahren. Die Ober- und MitteIschicht orientierte sich zunehmend an westlichen Lebensweisen und verließ ihre Häuser in der Altstadt  zugunsten von Villen oder Geschosswohnungen in neuen Vierteln. Ihre Häuser blieben entweder leer oder wurden geteilt und an die zuwandernde ländliche Bevölkerung vermietet. Die Altstadt erfuhr eine soziale Degradierung. Teile der historischen Stadtkerne fielen modernen Planungen zum Opfer. Vernachlässigte Instandhaltung gab die Hofhäuser dem Verfall preis. Mit der Aufnahme der Altstadtbereiche von Damaskus und Aleppo in die Liste des Weltkulturerbes Ende der 70er Jahre konnte diese negative Entwicklung gestoppt werden. Abseits vom öffentlichen Interesse geht die Zerstörung der alten Stadtstrukturen in den übrigen syrischen Städten jedoch weiter.

Ariane Ahmad (in: D. Sack et al (Hrsg.), Jahrbuch MSD 2003-05, 13)

Publikationen:
• Ariane Ahmad, Das Hofhaus in den syrischen Küstenstädten. Eine traditionelle Wohnform und ihre Besonderheiten, Zeitschrift für Orient-Archäologie 1, 2008, 10–53.

abgeschlossene Promotion:
Ariane Ahmad, Das Hofhaus in Syrien, seine regionalen Ausprägungen und sein Erhalt (TU Berlin, Gutachter D. Sack/J. Cramer, abgeschlossen 2004).

siehe auch Abschlußarbeit:
Nadim Hagen, Aleppo/ Syrien. Modernes Wohnen in historischen Häusern unter Berücksichtigung denkmalpflegerischer Belange (TU Berlin, ASD 5. Jg., abgeschlossen 2004).

 

Städtische Mittelhallenhäuser in Bilād ash-Shām

In spätosmanischer Zeit (zwischen 1840 und 1915) entstand in Bilād ash-Shām (dem heutigen Libanon, Syrien, Israel/Palästina und Jordanien) ein neuer Haustyp. Sein Grundriss wird durch eine mittige Halle, die Fassade durch ein großes Dreibogenfenster und der Baukörper durch ein Ziegel gedecktes Walmdach geprägt. Die Arbeit untersucht vergleichend die Hausform des Mittelhallenhauses. Der Schwerpunkt liegt auf einer Analyse der Grundrißform, der Fassadengestaltung und der Hausnutzung sowie der gesellschaftlichen Stellung der Hausbesitzer. Untersucht wird, wie sich die Hausform an der östlichen Mittelmeerküste verbreitete, welche überregionalen Einflüsse die Bauform prägten und wie sich die Architektur unter den lokalen Bedingungen veränderte.

Die Zeitspanne zwischen der Mitte des 19. Jahrhunderts und dem ersten Weltkrieg war von den Reformbestrebungen (tanzimat) der osmanischen Zentralregierung geprägt, die unter anderem eine stärkere Bindung der Provinzen an die Hauptstadt Istanbul und eine politische Öffnung des Reichs nach Europa zum Ziel hatten. Ein weiterer Faktor, der die sozialen Veränderungen in Bilād ash-Shām förderte, war der zunehmende Seehandel, der den Kontakt zwischen der östlichen Levante und den europäischen Ländern intensivierte.

Die Beziehungen zwischen den am Mittelmeer liegenden Städten lassen sich anhand von importierten Materialien und auch formal anhand von stilistischen Merkmalen fassen. So zeigt sich in der Handelstadt Beirut eine Beeinflussung durch die Architektur Venedigs, im Verwaltungszentrum Damaskus durch die Bauten Anatoliens und Istanbuls und in Jerusalem durch die in der Stadt gebauten europäischen   Missionsgebäude. Die Wohnhausarchitektur der Städte prägte die Wohnhäuser der Kleinstädte und Dörfer. Deshalb wurde neben den regionalen Zentren Beirut, Damaskus und Jerusalem auch die spätosmanische Wohnhausarchitektur der Kleinstädte näher behandelt, die bisher kaum Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen waren. In manchen Fällen ließen sich sogar Wanderhandwerker, die von einem Ort zum anderen zogen, und Familien, die überregionale Handelsnetzwerke in Bilād ash-Shām pflegten, nachweisen.

Ein besonderes Merkmal der Mittelhallenhäuser des 19. Jahrhunderts ist die regionsübergreifende Verwendung ähnlicher Formen, wie dem Grundriss, der durch eine überdeckte, mittige Halle geprägt ist, importierten Baumaterialien wie Falzziegeln und Marmor sowie europäisch und osmanisch beeinflusstem Baudekor. Basierend auf der vergleichenden Analyse von Häusern in den verschiedenen genannten Städten mit Häusern im Kernland des osmanischen Reichs, speziell Istanbul und Häusern an der europäischen Mittelmeerküste, insbesondere Venedig, stellte sich heraus, dass es sich bei der Entwicklung  des Mittelhallenhauses nicht um eine Imitation europäischer oder zentralosmanischer Motive handelt, sondern dass die ortsfremden Formen adaptiert und mit den lokalen Formen verschmolzen wurden. So wurde ein neuer flexibler, den kulturellen Bedürfnissen angepasster Haustyp geschaffen, den man leicht an die unterschiedliche Bedürfnisse und Voraussetzungen in den verschiedenen Orten anpassen konnte. Diese Sicht wird durch den Vergleich der Häuser in Beirut, Damaskus und Jerusalem mit den sie umgebenden Kleinstädten unterstützt, da hier ein ähnlicher Prozess stattfand:

Ausgewählte Motive (Mittelhalle, Ziegeldach, Drillingsfenster) werden übernommen und der Grundriss an die sozialen und funktionalen Bedürfnisse des Bauherrn angepasst. Das plötzliche Auftreten des   Mittelhallenhauses ist ein baulicher Ausdruck der sich im späten 19. Jahrhundert etablierenden neuen Elite aus Händlern und Großgrundbesitzern, die zwar durch die Übernahme osmanischer und europäischer Formen ihre überregionalen Kontakte und Loyalitäten demonstrieren, sie aber durch die Verbindung mit den lokalen Traditionen zu einer eigenständigen Form transformieren. Die neuen Häuser sind Ausdruck von individuellem Wohlstand und übernehmen zugleich eine identitätsstiftende Funktion.

Anne Mollenhauer (in: D. Sack et al (Hrsg.), Jahrbuch MSD 2004-06, 19)

Publikationen:
Anne Mollenhauer, Das Mittelhallenhaus in Beirut, Damaskus und Jerusalem. Die Genese einer Hausform, Beiruter Texte und Studien 110 (in Vorbereitung).

Anne Mollenhauer, Mittelhalle und Dreibogenfenster. Formentransfer und seine soziale Bedeutung an der östlichen Levante des 19. Jahrhundrtes, in: J. Becker, R. Hempelmann, E. Rehm (Hrsg.), Kulturlandschaft Syrien. Zentrum und Peripherie. Festschrift für Jan-Walke Meyer (Münster 2010), 377-396.

Anne Mollenhauer, Private in Public or Public in Private. Representation Rooms in Manorial Courtyards Houses in Aleppo, in: J. Gonnella, J. Kröger  (Münster 2010), 71-80.

Anne Mollenhauer, Das Mittelhallenhaus in Beirut und sein Transformations-prozess im 19. und 20. Jahrhundert, Architectura 1/2005, 95-111.

Anne Mollenhauer, Gastlichkeit und ihr baulicher Ausdruck- Empfangsräume zwischen dörflicher Tradition und städtischer Lebensform im 19. Jahrhundert in Jordanien, in: M.Droste, A.Hoffmann (Hrsg.), Wohnformen und Lebenswelten im interkulturellen Vergleich (Frankfurt 2004), 207–221.

Anne Mollenhauer, Reading Late Ottoman Architecture – Exterior expression and interior organisation of central hall houses between Beirut and Lattakia, in: M.F. Davie (Hrsg.), La Maison Beyrouthine aux trois arcs. Une architecture bourgoise du Levant (Tours 2003), 115-135.

Anne Mollenhauer, The central hall house, regional communalities and local specificies: a comparison between Beirut and al-Salt, in: Jens Hanssen, Thomas Philipp, Stefan Weber (Hrsg.), Provincial Capitals in the Late Ottoman Empire. Beiruter Texte und Studien 88 (Beirut – Würzburg 2002), 276-296.

abgeschlossene Promotion:
Anne Mollenhauer, Das städtische Mittelhallenhaus in Großsyrien im 19.Jahrhundert: Lokale und überregionale Einflüsse auf eine Bauform, (Univ. Frankfurt/ M., Gutachter: J.-W. Meyer Univ. Frankfurt/ D. Sack TU Berlin), abgeschlossen 2005).