Damaskus. Historisches Zentrum – DIMASQ AS-SAM

Damaskus, die Hauptstadt des modernen Staates Syrien, ehemals Sitz des Umaiyaden-Kalifates, gehörte bereits in der „Alten Welt“ zu den bekannten Städten. Ihr von den Spuren antiker Stadtplanung geprägtes, mittelalterlich überformtes Stadtbild intra muros ist, von neuen städtebaulichen Veränderungen weitgehend unberührt, erhalten geblieben.

Im Vorfeld der Gründung der Station Damaskus des Deutschen Archäologischen Instituts, die 1979 /80 vollzogen wurde, war schon mehrfach der Gedanke aufgekommen, anknüpfend an die Forschungsarbeiten des Deutsch-türkischen Denkmalschutzkommandos, erneut in Damaskus tätig zu werden. 1916/17 hatten der Archäologe Carl Watzinger und der Architekt Karl Wulzinger als Mitglieder einer militärischen Einheit  der „Pascha-Formation“, die unter der Leitung des späteren Präsidenten des Deutschen Archäologischen Instituts, Theodor Wiegand stand, die großen Werke „Damaskus, die antike Stadt“ und „Damaskus, die islamische Stadt“ erarbeitet. Basierend auf diesen im Sinn von Inventarbänden angelegten Standardwerken, die bis heute unersetzliche Nachschlagewerke geblieben sind, bauen die im Wesentlichen in den Jahren 1975 – 1980 durchgeführten Arbeiten auf. Ausgangspunkt der Überlegungen, die zu einer erneuten Auseinandersetzung mit Damaskus geführt hatten, war der Wunsch, am Beispiel dieser Stadt in Ergänzung zu den bereits früher erarbeiteten Quellenauswertungen ihre historische Entwicklung in Zusammenschau mit ihrer städtebaulichen Struktur unter architektonisch-stadtgestalterischen Gesichtspunkte zu analysieren.

Methodisch basieren die Untersuchungen auf Feldstudien mit Begehungen, Befragungen, Kartierungen und Bauaufnahmen, die mit Unterstützung der Generaldirektion der Altertümer und Museen Syriens durchgeführt werden konnten. Die Ergebnisse der Kartierung der vorgefundenen historischen Bausubstanz und der in den Quellen genannten Bauten flossen in die Erstellung der Pläne ein, die die Stadt intra muros und die angrenzenden Bereiche extra muros darstellen. Dabei ließ sich die Gestalt der antiken, mittelalterlichen und frühosmanischen Stadt nur anhand von öffentlichen Gebäuden rekonstruieren, wogegen das Bild der Stadt im ausgehenden 18., im 19. und 20. Jh. auch durch private Wohnhäuser zu belegen ist. Das Plankonvolut, das zusammen mit einem Katalog veröffentlicht wurde, wird als Basisarbeit verstanden, die allen in der Stadt arbeitenden zur Verfügung gestellt werden sollte. Anlässlich des Jubiläums wird nun die arabische Übersetzung des „Damaskus-Buches“ vorgelegt, die als Kooperationsprojekt mit dem Institut Français de Damas entstanden ist.

In einem ersten Schritt wurde im April 1980 die Kartierung der schützenswerten Bausubstanz vorgestellt, die aufbauend auf der von Jean Sauvaget im Jahr 1932 veröffentlichten ersten Denkmalliste, auf Wunsch der Antikendirektion für die Stadt intra muros angefertigt worden war. Die Übergabe der großformatigen, farbig angelegten Pläne wurde seitens unserer Gastgeber als „Morgengabe“ zur Institutsgründung bezeichnet. Ein ersten Katalog dieser Bauten wurde im 2. Band der Damaszener Mitteilungen veröffentlicht. Er beinhaltet auch die sogenannte archäologische Karte der Öffentlichen Bauten und die der Wohnhäuser.

Ein weiterer Wunsch war es anhand der Veränderungen der städtebaulichen Gestalt die Geschichte und die Entwicklung der Stadt vorzuführen, deren Blütezeiten sich in einer Vielzahl bedeutender Bauwerke dokumentieren. Damaskus hat zwar immer wieder für kürzere Zeit seine Funktion als Hauptstadt eingebüßt, blieb aber stets die wichtigste Stadt der gesamten Region. Die Vorzugsstellung der Stadt beruht bis heute im Wesentlichen auf dem Wasserreichtum des Barada-Fluß und seiner fruchtbaren Ebene. Hier, wahrscheinlich an der Stelle einer  um 1100 v. Chr gegründeten aramäischen Siedlung, entstand eine antike Großstadt mit Stadtmauer, Kastell, Tempel, Agora und rechtwinklig angelegten Straßenzügen.

Die zeitliche und räumliche Kontinuität der Stadt zeigt sich vor allem im Bau der Großen Moschee, die die Stelle des Jupiter-Damascenus-Tempels einnimmt. Große Teile der ursprünglich den inneren Tempelbezirk begrenzenden Wand wurden als Außenwand der im 8. Jahrhundert erbauten Moschee beibehalten. Sie ist nach den Freilegungen und städtebaulichen Veränderungen in der Umgebung der Moschee in den 1980er Jahren zwar wieder sichtbar, aber durch Restaurierungsmaßnahmen substanziell verändert. Nach der Eroberung durch den Islam im Jahr 14/ 635 erlangte die Stadt als Residenz der Umaiyaden-Kalifen und damit als Zentrum des frühislamischen Reiches überregionale Bedeutung, die sie nach der Verlegung des Kalifatssitzes nach Bagdad (nach 132/ 749)  zunächst verlor. Sie erhielt sie erst unter der Herrschaft des Zengiden Nur ad-Din MaÎmud in der 2. Hälfte des 12. Jh. zurück. In dieser Zeit und unter der Herrschaft der Aiyubiden und der nachfolgenden Mamluken entstanden zunächst auf der Nordseite der Großen Moschee religiöse Bauten, zumeist theologische Schulen mit zugehörigem Stiftergrab. Die weitere städtebauliche Entwicklung erfolgte im Westen der Stadt im Bereich zwischen der Großen Moschee und der Zitadelle. Schon in der Aiyubiden-Zeit hatte sich die Stadt über die Stadtmauer hinaus nach Nordwesten ausgedehnt. Im heute weitgehend niedergelegten Quartier Suq Sarudja entstanden auch die ersten Freitagsmoscheen extra muros.

Erst in der Osmanen-Zeit wurde der Basar von der Ostseite der Moschee – er lag an der Stelle der ersten antiken Kolonnadenstraße – auf deren Westseite verlegt. In diesem Umfeld siedelten sich in den nachfolgenden Jahrhunderten alle wichtigen Handelsbauten an. Gerade diese Bauten bezeugen eindrucksvoll den wirtschaftlichen Aufschwung der Stadt nach der neuerlichen Sicherung der Pilgerstraße im 18. Jh., unter der Herrschaft der Azm-Gouverneure. Die Verbindung nach Mekka und Medina war seit dem ausgehenden Mittelalter eine der wichtigsten Fernhandelsstraßen des Osmanischen Reiches. Aber erst in hochosmanischer Zeit, als der örtliche Provinzgouverneur selbst der Pilgerkarawane vorstand, wurde Damaskus – zwar weiterhin Aleppo nachgeordnet – zu einem wichtigen Handelsplatz. Vorausgegangene Naturkatastrophen und der zunehmende Wohlstand führten seit der Mitte des 18. Jh. zum Bau neuer Wohnhäuser und im 19. Jh. zu  einer Reihe entscheidender Strukturveränderungen, die die zunehmende „Osmanisierung“ und dann auch eine gewisse „Verwestlichung“ des Stadtbildes zur Folge hatten.

Ein besonderes Augenmerk verdienen die Quartierstruktur und die Wohnbebauung von Damaskus, die ca. 80 Prozent der innerstädtischen Bebauung ausmacht. Die im Orient überkommene Bauform der Hofhäuser, die, als Teppichbebauung konzipiert, das Bild der Stadt bis heute prägt, hat historische Wurzeln. Zwar stammen die ältesten der als Ensemble erhaltenen Häuser aus der Mitte des 18. Jh.  – nur vereinzelt sind ältere Gebäudeteile vorhanden – die heute noch ablesbaren Quartierstrukturen sind jedoch mittelalterlichen und zum Teil noch älteren Ursprunges. Das Straßennetz entstand bereits im 5. und 6. Jh. durch eine langsam fortschreitende Überformung des antiken Stadtgrundrisses. Dabei blieben die in der Antike angelegten Straßenachsen auch die Haupterschließungsstraßen des jüngeren Stadtorganismus. Von ihnen gehen die Quartiererschließungsstraßen ab, denen die Sackgassen nachgeordnet sind. Sie haben – im Unterschied zu den übrigen Straßen im städtischen Verband – einen halböffentlichen Charakter: bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts war jede Sackgasse durch ein Tor von der vorbeiführenden Quartierstraße abgetrennt. Ähnliche Toranlagen markierten auch die Grenzen der einzelnen Quartiere, die weitgehend autonom und ihrer Größe entsprechend mit Versorgungseinrichtungen wie Brunnen, Basaren, Bäckereien, Bädern und Moscheen ausgestattet waren.

Nach den verschiedenen Phasen des Stadtausbaus schaffte der Bau des Basars auf der Südseite der Zitadelle Ende des 19. Jh. die Verbindung zwischen der Moschee und dem im Westen außerhalb der Altstadt gelegenen neuen Verwaltungszentrum, das am Mardj-Platz ganz in der Nähe des mittelalterlichen Rossmarkts errichtet wurde. Diese Entwicklung stand am Beginn der Zusammenführung der Stadt mit ihrem südlichen Ausläufer Midan, der vormittelalterlichen Ursprunges ist und dem am Fuß des Qasiyun-Bergs gelegenen Ort as-ÑaliÎiya, dessen Gründung in das 12. Jahrhundert zurückreicht. 1908 bildete die Inbetriebnahme der Straßenbahn, die diese Bereiche verkehrsmäßig erschloss und miteinander verband, den Anfang der systematischen Besiedlung der die Stadt umgebenden Bergrandoase (Ghuta), die noch heute anhält.

Die anfänglich noch behutsame, seit Beginn der 1980er Jahre jedoch zum Teil sehr rigorose Sanierung der Verkehrswege brachte vielerorts in den Außenstadtquartieren eine vollkommene Veränderung des Stadtbildes mit sich – die Folgen für die betroffenen Quartiere sind ablesbar. Eine Erneuerung und Veränderung der Altstadt muss dagegen von innen heraus erfolgen, um die Einzigartigkeit der Struktur des noch intakten Ensembles mit seiner zum Teil gefährdeten aber schützenswerten Bausubstanz zu erhalten, ohne Damaskus zu einem Museum zu machen.

Auch wenn die 1975 begonnen Arbeiten längst abgeschlossen sind, läßt die Beschäftigung mit der Stadt nicht nach. Sie entwickelt sich vielmehr fort und wird nun in vielen Bereichen vertieft, wie die inzwischen vorgelegten  Arbeiten von Stefan Weber mit einem Schwerpunkt auf den Veränderungen und Einflüssen im 19. Jh.  und Ariane Ahmad mit einer Untersuchung des Hofhauses in Syrien zeigen.

Dorothée Sack (in: Deutsches Archäologisches Institut. Orient Abteilung – Außenstelle Damakus (Hrsg.), Orte und Zeiten.

25 Jahre archäologische Forschungen in Syrien 1980-2005, Damaskus 2005)

 

Publikationen

Dorothée Sack, Damaskus. Entwicklung und Struktur einer orientalisch-islamischen Stadt, Damaszener Forschungen 1, Mainz 1989.

Dorothée Sack, Dimašq. Tatawwur wa buniyān madīna mašriqīya islāmīya (Damaskus. Entwicklung und Struktur einer orientalisch-islamischen Stadt). Übersetzt vom Deutschen ins Arabische von Kassem Tweir zus. mit Nazih Kawakibi und Ariane Ahmad, Damascus 2005.

Dorothée Sack, Damaskus/ Dimashq/ Al-Sham, in: Deutsches Archäologisches Institut (Hrsg.), Orte und Zeiten – 25 Jahre archäologische Forschung in Syrien, Damaskus 2005, S. 24-29

Dorothée Sack, Damascus/ Dimashq/ Al-Sham, in: German Archaeological Institute (Ed.), Places in Time – 25 Years of Archaeological Research in Syria 1980-2005, Damascus 2005, p. 24-29.

Dorothée Sack, Das erste königlich-preußische Konsulat in Damaskus (zus. mit Ingeborg Huhn), in: Damaszener Mitteilungen 11, 1999, (Gedenkschrift für Michael Meinecke) 267 – 284.

Dorothée Sack, The Historic Fabric of Damascus and its Changes in the 19th and at the Beginning of the 20th Century, in: Thomas Philipp, Birgit Schaebler (Hrsg.) The Syrian Land. Processes of Integration and Fragmentation in Bilād al-Shām from the 18th to the 20th Century, Berliner Islamstudien 6 (1998) 185-202.

Dorothée Sack, Die historische Stadt Damaskus – Kontinuität und Wandel der städtebauliche Strukturen, Colloquien der Deutschen Orient-Gesellschaft (CDOG) 1, 1997, 385-399.

Dorothée Sack, Das Damaskus der Denkmalpflege, Bauwelt 40, 1986, 4 Beiträge. Idee und Konzeption zus. mit Dieter Robert Frank, Berlin.

Dorothée Sack, Damaskus, die Stadt intra muros. Ein Beitrag zu den Arbeiten der “Internationalen Kommission zum Schutz der Altstadt von Damaskus”, in: Damaszener Mitteilungen 2, 1985, 207 – 290.

Dorothée Sack, Damaskus, die Entwicklung der historischen Stadt, in: architectura 1983, 112 – 135.

Dorothée Sack, Bericht über die Arbeiten der “Internationalen Kommission zum Schutz der Altstadt von Damaskus”, in: Bericht über die 31. Tagung für Ausgrabungswissenschaften und Bauforschung (Koldewey-Gesellschaft) vom 14. bis 18. Mai 1980 in Osnabrück [1982], S. 97-99.

Dorothée Sack, Damaskus – Die antike und die islamische Stadt, in: Kay Kohlmeyer, Eva Strommenger (Hrsg.), Land des Baal, Syrien – Forum der Völker und Kulturen, (Ausstellungskatalog) 1982, S. 360 – 363.

Dorothée Sack, Zur Grundrißtypologie des Damaszener Wohnhauses (Zusammenfassung), in: Wohnungsbau im Altertum, Diskussionen zur Archäologischen Bauforschung (DiskAB) 3, 1978, S. 244 – 248.