al-Hira Survey Project

In der Spätantike und frühislamischer Zeit (3.-10. Jh.) war al-Ḥīra eines der führenden urbanen Zentren im mittleren Mesopotamien, im heutigen Irak, ca. 160 km südlich von Baghdad. Das Gebiet der historischen Siedlung liegt am Rand der Alluvialebene des Euphrats, auf einem erhöhten, keilförmigen Geländesporn. Heute wird das Gebiet des historischen al-Ḥīra von den beiden schnell wachsenden Städten Najaf und Kufa im Nordwesten und Abu Sukheir im Südosten eingeschlossen und ist stark gefährdet durch Bau- und Infrastrukturmaßnahmen.

Seit November 2014 wurde im Rahmen des al-Hira Survey Project eine großflächige, methodisch breit gefächerte Untersuchung des nicht überbauten Gebiets des historischen al-Ḥīra in Angriff genommen. Die Arbeiten finden in enger Kooperation des Deutschen Archäologischem Institut (DAI), der TU Berlin und der irakischen Antikenbehörde (SBAH) statt, unterstützt durch die Max van Berchem Fondation.

Durch den Survey und die damit verbundenen Vorarbeiten sollen Informationen zur Lokalisierung und Ausdehnung der Siedlung, ihrer räumlichen Ordnung, Flächennutzung, Chronologie und materiellen Kultur gewonnen werden sowie Gebiete von hohem archäologischem Denkmalwert ausgezeichnet werden. Zunächst wurden die schriftlichen, fotografischen und zeichnerischen Dokumentationen der bislang durchgeführten archäologischen Ausgrabungen einer systematischen Revision unterzogen hinsichtlich Grabungsmethoden, Lokalisierung, Topographie und Ergebnisse.

Ein Ergebnis diesen Vorarbeiten war die Integration aller sicher bestimmbaren archäologischen Fundplätze in ein Netz nach UTM-Koordinaten. Diese Kartierung bildete die Planungsgrundlage für die erste Surveykampagne, die vom 5. bis 13. Oktober 2015 durchgeführt wurde. Insgesamt wurden in vier Arealen systematische Prospektionen durchgeführt. An der Oberfläche sichtbare Strukturen und Konzentrationen von Ziegelbruch oder Keramik wurden mit GPS eingemessen und in einem GIS kartiert. Außerdem wurden diagnostische Oberflächenfunde eingesammelt, statistisch erfasst und in einer Datenbank dokumentiert. Das im Bereich der Hangkante liegende Areal 1 sowie Areal 4, wo 1990 Keramikproduktionsstätten beobachtet wurden, sind stark durch rezente Besiedlung gestört. Hier wurden nur ausgewählte Bereiche prospektiert. Als sehr ertragreich erwiesen sich die innerhalb des Flughafengeländes bzw. südlich davon liegenden Areale 2 und 3. Hier konnten insgesamt 297 Fundplätze kartiert werden. Das Ergebnis legt nahe, dass das Gebiet dicht besiedelt war.

Basierend auf der Auswertung der diagnostischen Funde, überwiegend Keramik, aber auch Stuck und Münzen, wurden drei Perioden definiert: vor- bis frühislamisch (6.-7. Jh.), frühislamisch (8. Jh.) und abbasidenzeitlich (9. Jh.). Funde des 6.-8. Jahrhunderts dominieren, während solche, die dem 9. Jahrhundert zuzuordnen sind, überwiegend im Westen der beiden Surveyareale gefunden wurden. Eine Bestätigung erfährt diese Zuordnung durch die Keramikfunde aus Areal 4, die Fehlbrände und Keramikmodeln umfassen, die in das 9. Jh. zu datieren sind. Dieses Zwischenergebnis scheint die Arbeitshypothese zu bestätigen, die auf der Revision der früheren Ausgrabungen basiert: dass die älteren Siedlungsgebiete von al-Ḥīra weiter östlich zu lokalisieren sind und das Wachstum der Siedlung von Osten nach Westen erfolgte.